Runensteine lesen oder Die Stimme der Runen: Was der Seher dem Aspiranten lehrte

Runensteine lesen oder Die Stimme der Runen: Was der Seher dem Aspiranten lehrte

Runensteine lesen oder Die Stimme der Runen

Draußen heult der Nordwind um das Langhaus. Der alte Seher Hrafnvald legt Birkenholz nach, und die Glut wirft Schatten an die Wände. Ihm gegenüber sitzt Eirik, ein junger Aspirant, der seit dem letzten Mittwinter bei ihm lernt.

„Du willst wissen, wie man die Runen befragt, Eirik? Dann hör zu, und hör gut zu. Die Runen sind keine Würfel für Händler und keine Spielsteine für Kinder. Sie sind Zeichen, und Zeichen sprechen nur zu dem, der still genug ist, sie zu hören.

Sie sagen dir nicht, was geschehen muss. Sie zeigen dir, wo du stehst und wohin der Weg sich neigt. Gehen musst du ihn selbst.“

Woher die Runenzeichen kommen

„Vierundzwanzig Zeichen sind es. Man nennt die Reihe Futhark, nach ihren ersten sechs Lauten: F, U, Th, A, R, K. Unsere Vorfahren ritzten sie in Gold und Bein, in Speerschäfte und Gewandspangen, und später in große Steine, die noch heute an den Wegen stehen.

Die Reihe teilt sich in drei Geschlechter zu je acht, die Aettir. Das erste gehört Freyr, dem Herrn über Fülle und Ernte. Das zweite gehört Hagal, dem Hagel, der zerschlägt, was nicht fest steht. Das dritte gehört Tyr, der seine Hand dem Wolf gab, damit die Welt Bestand hat.

Und schon die Alten, Eirik, warfen Lose. Ein Fremder aus dem Süden, ein Römer namens Tacitus, schrieb es auf: Sie schnitten Zweige von einem fruchttragenden Baum, kerbten Zeichen hinein und streuten sie über ein weißes Tuch. Dann hob der Kundige drei davon auf und las sie. Ob es Runen waren, die sie kerbten? Das weiß heute niemand mehr. Aber der Brauch der drei Lose lebt in dem fort, was ich dich lehre.“

Die Weihe der Steine

„Bevor du deine Steine zum ersten Mal befragst, musst du sie reinigen. Fremde Hände haben sie berührt, fremde Gedanken hängen an ihnen.

  1. Halte sie in den Rauch von Weihrauch, bis der Rauch sie ganz umhüllt hat.
  2. Dann nimm jeden Stein einzeln in die Hand. Spür sein Gewicht, seine Kälte, die langsam zu deiner Wärme wird. So gibst du ihm von deiner Kraft.
  3. Leg alle zurück in den Beutel, nimm ihn zwischen beide Hände und sprich deine Bitte: dass sie dir gute Ratgeber sein mögen, durch ihre Kraft und die Macht der Götter, die du ehrst.

Von da an gehören sie dir. Gib sie nicht aus der Hand. Hat sie doch ein anderer berührt, so weihe sie aufs Neue. Und wenn du eines Tages ein neues Set nimmst, dann vergrab das alte in der Erde. Es ist ein Teil von dir geworden, und das verschenkt man nicht.“

Wie man die Runen befragt

„Nimm dir Zeit, Eirik. Wer in Eile fragt, hört nur sein eigenes Herz klopfen. Lösch das Licht bis auf das Feuer, atme ruhig und halte deine Frage klar vor Augen.

Die Tagesrune

Wenn du lernen willst, dann zieh jeden Morgen eine einzige Rune. Trag sie den Tag über mit dir. Am Abend setz dich ans Feuer und frag dich, wo sie dir begegnet ist. So lernst du ihre Sprache, Zeichen für Zeichen. Eine einzelne Rune gibt dir auch eine schnelle Antwort, doch sie bleibt schmal, denn ein Zeichen allein erzählt keine ganze Geschichte.

Die drei Nornen

Willst du tiefer sehen, dann schütte alle Steine auf ein Tuch. Heb drei auf, ohne hinzusehen, und leg sie von links nach rechts vor dich. Am Fuß der Weltesche Yggdrasil sitzen drei Frauen und spinnen die Fäden aller Leben. Jede von ihnen spricht durch einen Stein.

Platz

Norne

Was sie dir sagt

Links

Urd

Was gewesen ist und noch immer in dein Heute hineinreicht

Mitte

Verdandi

Wo du jetzt stehst, was gerade wird, oder welche Entscheidung auf dich wartet

Rechts

Skuld

Was kommen kann, wenn du nichts änderst, oder ein Los, das du nicht wenden kannst

Skuld ist die schwerste, Eirik. Ihr Stein verlangt Gespür, nicht Gewissheit. Und merk dir: Jede Rune hat ihre eigene, feste Stimme. Doch ob sie dich warnt oder ermutigt, das hörst du erst, wenn du sie neben ihren Schwestern liest.“

Freyrs Geschlecht: die ersten acht

Der Seher nimmt die Steine einzeln aus dem Beutel und legt sie ins Licht des Feuers.

ᚠ Fehu, das Vieh. „Einst war das Vieh der Reichtum eines Mannes. Fehu spricht von Wohlstand, den du dir mit deinen Händen erarbeitest. Mehre ihn, aber halte ihn nicht fest wie ein Geizhals. Gebrauchst du ihn nur für dich selbst, wird er dir kein Glück bringen.“

ᚢ Uruz, der Auerochse. „Kennst du das wilde Rind der alten Wälder? Uruz ist seine Kraft in dir. Steh fest auf der Erde, bleib deinem Ursprung treu und wachse trotzdem weiter.“

ᚦ Thurisaz, der Riese. „Der Dorn, der Thurse, der Feind am Weg. Thurisaz kündet Streit und Schmerz an, den du nicht umgehen kannst. Schau ihm ins Gesicht, Eirik. Mit Mut, aber nicht ohne Vorsicht.“

ᚨ Ansuz, der Gott. „Das ist die Rune der Asen, die Rune Odins. Sie öffnet dir den Geist für Eingebungen. Was dir plötzlich in den Sinn kommt, ist manchmal ein Flüstern von oben. Hör hin, ohne gleich zu urteilen.“

ᚱ Raidho, der Ritt. „Eine Reise oder ein Wandel um dich herum. Raidho fragt dich: Gehst du deinen eigenen Weg oder den, den andere dir vorschreiben?“

ᚲ Kenaz, die Fackel. „Feuer hat zwei Gesichter. Es wärmt das Haus und brennt es nieder. Kenaz kann vor Krankheit und Hindernissen warnen. Ebenso kann sie das Licht einer neuen Einsicht sein. Halte Leib und Seele rein, damit dein Feuer wärmt.“

ᚷ Gebo, die Gabe. „Eine Gabe verlangt eine Gegengabe, so war es immer unter freien Leuten. Gebo spricht von Großzügigkeit, von Bündnissen und Verträgen. Halte Geben und Nehmen im Gleichgewicht.“

ᚹ Wunjo, die Wonne. „Freude, Anerkennung, ein Ziel erreicht. Wunjo sagt dir: Pflege deine Gefährten und lass dir die Freude nicht von Miesepetern verderben.“

Hagals Geschlecht: die mittleren acht

Ein Windstoß fährt durch die Ritzen, und die Flammen ducken sich.

ᚺ Hagalaz, der Hagel. „Hagel fällt, wann er will, und fragt niemanden. Hagalaz bringt Bruch, Verlust und Prüfung. Doch merk dir: Erst wenn das Alte zerschlagen ist, hat das Neue Raum.“

ᚾ Naudhiz, die Not. „Eine harte Zeit, Mangel, Enge. Kämpf nicht blind dagegen an. In der Not zeigt sich, was in dir steckt, und nur in schlechten Zeiten wächst der Geist wirklich.“

ᛁ Isa, das Eis. „Der Fluss erstarrt, nichts bewegt sich mehr. Isa sieht finster aus, doch Eis taut wieder. Manchmal musst du innehalten und dich sammeln, bevor du gestärkt aufstehst.“

ᛃ Jera, das Jahr. „Die Ernte. Was du zur rechten Zeit gesät hast, trägt nun Frucht. Aber Jera erinnert dich auch daran, dass du erntest, was du gesät hast, im Guten wie im Schlechten.“

ᛇ Eiwaz, die Eibe. „Die Eibe wächst auf den Gräbern und lebt tausend Jahre. Eiwaz spricht von Wandel, vom Ende und vom Anfang danach. Fürchte weder das eine noch das andere, und durchschau die Täuschung, auch die eigene.“

ᛈ Perthro, das Unbekannte. „Selbst wir Seher wissen nicht mehr, was ihr Name einst bedeutete. Manche sagen, es war der Becher, aus dem man die Lose warf. Perthro hütet Geheimnisse und kann sie enthüllen. Sie sagt dir: Dein Schicksal ist nicht in Stein gemeißelt. Du schmiedest dein Glück selbst.“

ᛉ Algiz, der Schutz. „Sieh das Zeichen an: wie ein Elchgeweih, wie eine Hand, die sich abwehrend hebt. Algiz warnt dich und schützt dich zugleich. Frag dich, wozu du deine Waffen trägst, zum Angriff oder zur Abwehr.“

ᛊ Sowilo, die Sonne. „Der Sieg, die Lebenskraft, das helle Licht. Doch auch die Sonne brennt, wenn man zu lange in ihr steht. Haushalte mit deiner Kraft. Glück kommt zu dem, der dafür arbeitet.“

Tyrs Geschlecht: die letzten acht

ᛏ Tiwaz, Tyr. „Tyr opferte seine Hand, damit der Wolf gebunden blieb. Tiwaz ist die Rune des Rechts, der Ehre und der Treue. Kämpf um dein Recht, aber vergiss nicht: Gerechtigkeit fordert manchmal ein Opfer.“

ᛒ Berkano, die Birke. „Die Birke ist der erste Baum, der nach dem Winter grünt. Berkano kündet Neubeginn, Wachstum und eine fruchtbare Zeit. Lass deine Ideen reifen wie junge Triebe.“

ᛖ Ehwaz, das Pferd. „Reiter und Pferd, die einander vertrauen. Ehwaz spricht von treuer Gefährtenschaft und einer Wende zum Besseren. Sie stärkt die Steine, die neben ihr liegen.“

ᛗ Mannaz, der Mensch. „Du und die anderen. Mannaz zeigt, wie du zu den Menschen stehst und sie zu dir. Hilfe kann von ihnen kommen. Nimm sie, wie sie sind, nicht wie du sie gern hättest.“

ᛚ Laguz, das Wasser. „Unter der glatten Oberfläche des Sees liegt die Tiefe. Laguz spricht von Reisen, von Intuition und von verborgenen Dingen. Wasser gibt Leben und nimmt es. Es kommt auf das rechte Maß an.“

ᛜ Ingwaz, Ing. „Ing ist ein anderer Name für Freyr, den Gott der Fruchtbarkeit. Ingwaz ist das Samenkorn in der Erde. Es braucht Ruhe, um zu keimen. Erzwinge nichts, Eirik. Alles beginnt klein.“

ᛞ Dagaz, der Tag. „Die Morgendämmerung nach der langen Nacht. Dagaz verspricht Glück und Gewissheit, die Zeit ist reif für Neues. Sieh das Ganze, nicht nur die Einzelheiten.“

ᛟ Othala, das Erbe. „Der Hof der Väter, das Land, das von Hand zu Hand geht. Othala spricht vom Erbe, an Besitz wie an Wissen. Du empfängst es, um es zu mehren und weiterzugeben. Und schaff dir eine innere Heimat, in die du dich zurückziehen kannst.“

Der leere Stein

Zuletzt zieht der Seher einen glatten Stein ohne Zeichen aus dem Beutel und dreht ihn lange zwischen den Fingern.

„Diesen hier kannten die Alten nicht, Eirik. Erst die Kundigen späterer Zeiten haben ihn hinzugelegt. Man nennt ihn Odins Rune oder die Leerrune. Ziehst du ihn, so ist deine Frage noch nicht reif. Die Entscheidung ist noch nicht gefallen. Oder du fragst nach etwas, das dir verborgen bleiben soll. Manche Seher legen ihn beiseite, andere behalten ihn. Entscheide selbst.

Und jetzt geh schlafen. Morgen früh ziehst du deine erste Tagesrune. Und am Abend erzählst du mir, was sie dir gesagt hat.“

Das Feuer ist heruntergebrannt. Draußen hat der Wind sich gelegt.

                                 ----------------------------

Runensteine lesen -  Dein Einstieg

Das Runenorakel nutzt die 24 Zeichen des älteren Futhark als Symbole zur Selbstreflexion: Man zieht blind eine oder drei Runen und deutet sie. Die meisten Runensets enthalten zusätzlich eine Leerrune, also 25 Steine.

  • Älteres Futhark: 24 Runen in drei Gruppen zu je acht (Aettir), belegt etwa vom 2. bis 8. Jahrhundert.
  • Eine Rune: schnelle Tagesrune oder Impuls für eine einfache Frage.
  • Drei Runen: Legung nach den Nornen Urd (Vergangenheit), Verdandi (Gegenwart) und Skuld (Zukunft), von links nach rechts.
  • Historischer Hintergrund: Losorakel bei den Germanen sind belegt. Das heutige Runenorakel mit festen Deutungen und Leerrune ist jedoch weitgehend eine Entwicklung des 20. Jahrhunderts.
  • Wichtig: Runendeutungen sind Impulse zum Nachdenken und keine Vorhersage. Sie ersetzen keine medizinische, rechtliche oder finanzielle Beratung.

Was sind Runen?

Runen sind die Schriftzeichen der germanischen Völker. Das älteste vollständige Runenalphabet heißt älteres Futhark und umfasst 24 Zeichen. Der Name setzt sich aus den Lautwerten der ersten sechs Runen zusammen: F, U, Th, A, R, K.

  • Zeitraum: Inschriften auf Schmuck, Amuletten, Werkzeugen, Waffen und Runensteinen, etwa vom 2. bis 8. Jahrhundert.
  • Nachfolger: In Skandinavien entstand ab dem späten 8. Jahrhundert das jüngere Futhark mit nur 16 Zeichen, in England und Friesland das erweiterte angelsächsische Futhork.
  • Wiederentdeckung: Die Lesung des älteren Futhark geriet in Vergessenheit und wurde erst 1865 vom norwegischen Forscher Sophus Bugge entschlüsselt.
  • Ordnung: Die 24 Runen werden heute in drei Gruppen zu je acht eingeteilt, die Aettir (altnordisch „Geschlecht, Gruppe“). Sie sind nach Freyr, Hagal und Tyr benannt.
  • Frühe Belege: Der Kylver-Stein von Gotland (um 400) zeigt die vollständige Runenreihe. Da Dagaz und Othala in den Überlieferungen nicht immer gleich angeordnet sind, findet man heute beide Reihenfolgen am Ende der Reihe.

Die Namen der Runen sind nicht direkt überliefert. Sie wurden aus mittelalterlichen Runengedichten (altenglisch, altnorwegisch, altisländisch) rekonstruiert. Daraus stammen auch die Grundbedeutungen wie „Vieh“ für Fehu oder „Hagel“ für Hagalaz.

Ist das Runenorakel historisch?

Teilweise. Germanische Losorakel sind belegt, das heutige Runenorakel mit festen Deutungstexten ist aber weitgehend modern.

  • Antike Quelle: Der römische Historiker Tacitus beschreibt in der Germania (Kapitel 10, um 98 n. Chr.), wie Zweige eines fruchttragenden Baumes in Stäbchen geschnitten, mit Zeichen versehen und auf ein weißes Tuch gestreut wurden. Ein Priester oder Familienvater hob nach einem Gebet drei davon auf und deutete sie. Ob diese Zeichen Runen waren, lässt sich aus dem Text nicht sicher sagen.
  • Mittelalter: Die Edda erwähnt Runen vor allem für Schutz-, Heil- und Siegeszauber, kaum für Wahrsagerei.
  • Moderne Entwicklung: Um 1900 schuf Guido von List die „Armanen-Runen“. 1982 veröffentlichte Ralph Blum The Book of Runes mit einem Beutel voller Runensteine. Dieses Buch prägte das heutige Runenorakel stark, einschließlich der Leerrune.

Das Ziehen von drei Runen auf einem Tuch knüpft also bewusst an die Beschreibung bei Tacitus an. Die Deutungen einzelner Runen sind dagegen heutige Interpretationen, die sich auf die überlieferten Runennamen stützen.

Vorbereitung: Runenset reinigen und weihen

In der esoterischen Praxis wird ein neues Runenset vor dem ersten Gebrauch gereinigt und persönlich eingestimmt. Diese Rituale sind modern und nicht historisch überliefert.

  1. Reinigen: Das Set kurz durch den Rauch von Olibanum (Weihrauch) oder einer Räuchermischung führen. So soll es von fremden Einflüssen befreit werden.
  2. Einstimmen: Jede Rune einzeln in die Hand nehmen und sich auf sie konzentrieren.
  3. Weihen: Alle Runen zurück in den Beutel geben, den Beutel zwischen beide Hände nehmen und einen eigenen Weihespruch sprechen, etwa die Bitte, die Runen mögen gute Ratgeber sein. Die angerufene Gottheit oder Kraft wählt jeder selbst.
  4. Aufbewahren: Viele Anwender geben ihr Set danach nicht mehr aus der Hand. Wurde es doch von anderen benutzt, wird das Ritual wiederholt. Ein ausgedientes Set wird traditionell vergraben statt weitergegeben.

Für jede Befragung empfiehlt sich eine ruhige, meditative Umgebung und eine klar formulierte Frage.

Eine Rune ziehen: die Tagesrune

Das Ziehen einer einzelnen Rune ist die einfachste Methode und eignet sich gut zum Lernen.

  • Tagesrune: Morgens eine Rune blind aus dem Beutel ziehen, ihre Bedeutung lesen und abends darüber nachdenken, wie sie zum Tag gepasst hat.
  • Schnelle Antwort: Eine einzelne Rune zu einer kurzen Frage ziehen. Die Aussage bleibt allerdings begrenzt, weil sie nur auf einem Symbol beruht.

Drei Runen ziehen: die Nornen-Legung

Die Legung mit drei Runen ist die verbreitetste Methode. Sie orientiert sich an den drei Nornen, den Schicksalsfrauen der nordischen Mythologie.

  1. Alle Runen aus dem Beutel auf ein Tuch schütten.
  2. Ohne hinzusehen nacheinander drei Runen aufheben.
  3. Die Runen von links nach rechts vor sich legen und deuten:

Position

Norne

Steht für

Links

Urd

Vergangenheit: was gewesen ist und bis heute nachwirkt

Mitte

Verdandi

Gegenwart: die aktuelle Lage, eine laufende Entwicklung oder eine anstehende Entscheidung

Rechts

Skuld

Zukunft: was folgen kann, wenn sich nichts ändert, oder ein Weg, auf den man wenig Einfluss hat

Die dritte Rune verlangt das meiste Fingerspitzengefühl. Nach dem Ansatz dieses Sets hat jede Rune eine feste Grundaussage; ob sie positiv oder negativ wirkt, ergibt sich erst aus dem Zusammenspiel mit den anderen Runen. Andere Schulen deuten zusätzlich umgekehrt liegende Runen („Merkstave“) als Abschwächung oder Umkehrung.

Bedeutung aller 24 Runen

Jede Rune hat einen rekonstruierten Namen mit einer Grundbedeutung und eine moderne Deutung im Orakel. Die Wortbedeutungen folgen der Runenforschung, die Orakeldeutungen der gängigen Praxis.

Freyrs Aett (Runen 1–8)

Rune

Zeichen

Wortbedeutung

Deutung im Orakel

Botschaft

Fehu

ᚠ

Vieh, bewegliches Gut

Erarbeiteter Wohlstand, jetzt oder bald

Besitz mehren, aber nicht festhalten; innerer Reichtum zählt mehr

Uruz

ᚢ

Auerochse

Körperliche Kraft, Selbstvertrauen

Den eigenen Ursprung kennen, geerdet bleiben und weiterwachsen

Thurisaz

ᚦ

Riese (Thurse), Dorn

Konflikte, schmerzhafte Ereignisse

Hindernissen mutig und umsichtig begegnen statt sie aufzuschieben

Ansuz

ᚨ

Gott, Ase

Neue Ideen, Eingebung, guter Ausgang

Offen sein für Inspiration und der inneren Führung trauen

Raidho

ᚱ

Ritt, Reise

Reise, Veränderung im Umfeld

Den eigenen Weg und Rhythmus finden: Was will ich wirklich?

Kenaz

ᚲ

Fackel; in nordischen Runengedichten auch Geschwür

Warnung vor Blockaden oder Unwohlsein, aber auch kreativer Aufbruch und Einsicht

Feuer zerstört oder wärmt: Körper, Geist und Seele pflegen

Gebo

ᚷ

Gabe

Großzügigkeit, Geschenke, Opfer, Beziehungen und Verträge

Geben und Nehmen im Gleichgewicht halten

Wunjo

ᚹ

Freude, Wonne

Freude, Anerkennung, Erfolg

Gemeinschaft pflegen und sich nicht von Miesmachern bremsen lassen

Hagals Aett (Runen 9–16)

Rune

Zeichen

Wortbedeutung

Deutung im Orakel

Botschaft

Hagalaz

ᚺ

Hagel

Unkontrollierbare Kräfte, Bruch mit dem Gewohnten, Prüfung

Aus dem Zerfall des Alten kann Neues entstehen

Naudhiz

ᚾ

Not, Zwang

Schwere Zeit, Einschränkungen, Geduldsprobe

Die Not als Chance nutzen, an ihr zu wachsen

Isa

ᛁ

Eis

Stillstand, Blockade, Rückzug, vorübergehend

Innehalten, Abstand gewinnen und gestärkt neu beginnen

Jera

ᛃ

Jahr, Ernte

Lohn der Arbeit, positiver Wandel

Wer zur rechten Zeit sät, erntet; Verantwortung für die Folgen tragen

Eiwaz

ᛇ

Eibe

Wandel, Ende und Neubeginn, Hindernisse werden überwunden

Weder Leben noch Wandel fürchten, Täuschungen durchschauen

Perthro

ᛈ

Bedeutung unbekannt (oft als Loskelch gedeutet)

Geheimnis, Enthüllung, Neubeginn, Glück im Spiel

Das eigene Schicksal selbst in die Hand nehmen

Algiz

ᛉ

Vermutlich Elch; oft als Schutz gedeutet

Warnung, zugleich Schutz

Die eigenen Maßstäbe prüfen: Angriff oder Verteidigung?

Sowilo

ᛊ

Sonne

Sieg, Lebenskraft, günstige Umstände

Erfolg braucht Einsatz; mit den Kräften haushalten

Tyrs Aett (Runen 17–24)

Rune

Zeichen

Wortbedeutung

Deutung im Orakel

Botschaft

Tiwaz

ᛏ

Der Gott Tyr

Gerechtigkeit, Ehre, Erfolg in rechtlichen Dingen

Für das eigene Recht einstehen und sich treu bleiben

Berkano

ᛒ

Birke

Neuanfang, Wachstum, fruchtbare Zeit

Ideen reifen lassen und umsetzen

Ehwaz

ᛖ

Pferd

Wende zum Besseren, verlässliche Partnerschaft; bestärkt die Nachbarrunen

Partner wertschätzen; Vertrauen entsteht durch Gegenseitigkeit

Mannaz

ᛗ

Mensch

Gemeinschaft, Hilfe durch andere

Menschen so annehmen, wie sie sind

Laguz

ᛚ

Wasser, See

Erfolg bei Reise oder Erwerb, Intuition, Verborgenes

Auf das rechte Maß achten und behutsam in die Tiefe gehen

Ingwaz

ᛜ

Der Gott Ing (Freyr)

Erfüllung, Fruchtbarkeit, Ausgleich

Ruhephasen zulassen; alles beginnt als Samenkorn

Dagaz

ᛞ

Tag

Glück, Gewissheit, Zeit für Neuanfänge

Das Ganze sehen statt der Einzelheiten

Othala

ᛟ

Ererbtes Gut, Heimat

Erbe, Tradition, Familienbesitz

Die eigenen Wurzeln achten und eine innere Heimat schaffen

Im Orakel gilt: Jede Rune hat eine feste Grundaussage. Ob sie günstig oder warnend zu lesen ist, ergibt sich aus der Frage und den Nachbarrunen.

Die Leerrune (Odins Rune)

Die Leerrune ist ein glatter Stein ohne Zeichen und Teil vieler moderner Runensets. Im Orakel bedeutet sie: Die Frage lässt sich noch nicht beantworten, weil die Entscheidung noch offen ist. Manchmal steht sie auch für Wissen, das verborgen bleiben soll.

Historisch gibt es keine Leerrune. Sie wurde 1982 von Ralph Blum in The Book of Runes eingeführt und gehört nicht zum älteren Futhark. Wer streng historisch arbeiten möchte, legt sie beiseite.

0 Kommentare

Hinterlasse einen Kommentar